Ludwig Seyfarth
Im Strudel der Falten: Sinta Werners barocke Bilder moderner Architektur


Die Verdoppelung der physischen Realität durch Scheinräume oder Spiegel ist eine Domäne der Kunst und Architektur des Barock. Die Grenze zwischen Bild und Raum, zwischen Zwei- und Dreidimensionalität steht hier ständig in Frage. Der Raum ist kein einheitlicher, geradliniger Kasten wie bei Albertis Perspektivkonstruktion, sondern erscheint auf vielfältige Weise verzerrt oder gefaltet. Nicht zufällig hat Gilles Deleuze „die ins unendliche gehende Falte“ als „das Charakteristikum des Barock“ bezeichnet.

Doch nicht jeder Epoche steht der Sinn nach Schein und Illusion. Am stärksten bekämpft wurden doppelbödige Augentäuschungsmanöver in der funktionalistisch geprägten Moderne. Für Ideologen des Form Follows Function waren sie ein ebenso großes Verbrechen wie für Adolf Loos das Ornament. Den geometrischen Rationalismus der Moderne mit künstlerischen Mitteln zu analysieren, ist heute fast eine Mode geworden. Seine gestalterischen Bestandteile werden wie ein Baukastensystem auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Sinta Werners Reflexion moderner Architektur geht einen anderen Weg. Sie lässt Verdoppelung und Schein wie wiederkehrende Geister dort aufleben, wo strenge, gleichmäßige Raster ihnen scheinbar jedes Terrain zur Entfaltung genommen haben.

Ausgangspunkt bildet stets ein typisch „modernes“, auf der regelmäßigen Wiederholung von Modulen aufgebautes Gebäude. Bei Überschreibung des Himmels handelt es sich um ein eingerüstetes und von einer Bauplane bedecktes Hochhaus in London. Der Wind drückt die Plane an das Gerüst, so dass sich dessen Struktur in ihr abzeichnet. Dieser Gliederung folgend hat Sinta Werner das Foto regelmäßig gefaltet, allerdings über das Gebäude hinaus auch bis an den Bildrand weiterführend. Dann hat sie das gefaltete Bild wiederum fotografiert, wobei dann aber nur vier Falten noch einmal in das Papier eingeknickt wurden. Alle anderen sind nur noch als Abbildung zu sehen.



Was wir sehen, ist also nicht ein reales Gebäude in einem realen Raum, sondern eine fast paradoxe Verstrickung von physischer Wirklichkeit und bildnerischem Schein. Noch weiter getrieben ist das raffinierte Spiel mit der Verdoppelung und Verschränkung mehrerer Ebenen und Räume bei Dekodierung der reflektierten Oberflächlichkeit. Hier hat Sinta Werner das Foto eines ebenfalls in London stehenden Parkhauses so gefaltet, dass das Papier eine ebenso regelmäßige Gliederung erhielt wie die Betonfassade, dem Raster folgend. Das mit den Spuren der Faltung versehene Foto hat Sinta Werner dann nochmal fotografiert und den Ausdruck einer weiteren Faltung unterzogen. Dadurch entstehen Schatten, die auf der realen Fassade nicht vorhanden sind, aber real auf dem Papier existieren. Durch die doppelte Faltung und fotografische Abbildung ergibt sich ein irritierendes Vexierspiel, bei dem die Abbildung des physisch und räumlich Vorhandenen in eine ähnlich paradoxe Spirale hineingezogen wird wie bei den „unmöglichen“ Räumen auf surrealistischen Bildern, etwa bei René Magritte. Die Verzahnung von realem und virtuellem Raum setzt sich dadurch fort, dass Sinta Werner das Ganze einer Manipulation mit Photoshop unterzogen hat. Zwei dreieckige Ausschnitte der Wand mit der sich darauf befindenden Collage wurden mit dem Polygonlassowerkzeug ausgewählt und horizontal gepiegelt. Die Dreiecksformen nehmen wiederum Bezug auf die real vorhandene Messearchitektur und ihre Trägerstruktur. Die Rahmen der Dreiecke sind mit einem Band aus LED-Leuchten versehen, die ein blinkendes Laufband - das Auswahlwerkzeug - suggerieren und den Realraum als Bildraum erscheinen lassen.

Aber ist eine derartige „Barockisierung“ rationalistischer moderner Rasterarchitektur wirklich so paradox, wie es zunächst scheinen mag? Schließlich ist alles ¬eine Frage der Perspektive, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn auch eine regelmäßige geometrische Struktur bildet, wenn sie so schräg ins Bild gesetzt ist wie die Fassade des Parkhauses, von selbst schon schwindelerregende Fluchtlinien, deren barocke Vitalität zu ent-falten es dann aber doch Sinta Werners präziser künstlerischer Intuition bedarf.