Ludwig Seyfarth
Die Variable des Raums

„Die Konstruktion eines Bildes auf einen Standpunkt hin hat neben der räumlichen Dimension auch eine zeitliche Dimension. Es ist, als würde man sich in einer virtuellen Welt befinden, bei welcher sich der Raum um den Betrachter bewegt anstelle des Betrachters im Raum. Nun ist es so, als hätte man die Zeit angehalten und dadurch ist es einem ermöglicht, die falsche Wirklichkeitskonstruktion zu verlassen.“ (Sinta Werner)

Sinta Werner lässt uns immer wieder etwas sehen, das sich dann als anders entpuppt, als es auf den ersten Blick erscheint. Dies gilt auch für die im Zentrum der Ausstellung Die Variable des Raums stehende, speziell auf den Galerieraum bezogene Installation Konstruktion im Augenblick. Beim frontalen Blick auf einen schräg im Raum stehenden rechteckigen, ein Photoshop-Auswahlfeld vergrößert nachbildenden Rahmen sieht man ein grob verpixeltes Bild, das den dahinter liegenden Teil der Fensterfront zeigt. Die horizontal und vertikal angelegte Rasterung der Pixel weckt Assoziationen zur Struktur der Fensterrahmen, allerdings ist sie dort – in scheinbarem Widerspruch zur Rechteckigkeit der Fenster – perspektivisch verzogen angebracht, nur beim Blick durch den Rahmen erscheint das Raster unverzerrt. Vereinzelte Pixel sind als Pappquadrate auf die Oberflächen montiert und wenden sich dem zentralen Blickpunkt zu, was eine Ähnlichkeit mit dem Verhalten von Pflanzen hat, die sich zur Sonne ausrichten. Wie bei der klassischen Zentralperspektive ist die Konstruktion der Illusion auf einen fixen Betrachterstandpunkt bezogen. Sinta Werner bastelt die Möglichkeiten digitaler Bild- und Raumkonstruktion gleichsam in die „alte“ analoge Welt hinein. Bei dieser Installation besteht der bisher größte Berührungspunkt mit Sinta Werners Fotocollagen.




Im Vergleich zu den glatten, bunten Welten der sogenannten Post-Internet-Kunst haben ihre mit Holz oder anderen Materialien gebauten Konstruktionen bei aller äußeren Perfektion fast einen „old school“-Charme, wie Andreas Koch es in einem Gespräch mit der Künstlerin ausdrückt. Dieser ist jedoch nicht mit Nostalgie zu verwechseln, sondern dahinter steckt viel analytischer, auch historischer Scharfsinn.

Neben der räumlich-installativen Arbeit stehen Sinta Werners Collagen, die meist auf Fotografien moderner Gebäude beruhen. Durch Einschnitte und Erweiterungen ins Relief erscheint das Motiv gespiegelt oder verdoppelt, mehrere Perspektiven sind ineinander verschränkt. Der Serie Die Variable des Raums hingegen liegen durch Einschnitte und Faltungen fester Papierbögen entstandene dreidimensionale Objekte zugrunde, die vor allem durch rechte Winkel und harte Schatten den Eindruck von Architekturmodellen hervorrufen. Ein Foto dieses „Modells“ wird wieder auf festes Papier gedruckt. So ist das Papier gleichsam Trägermaterial und Motiv, gefaltetes Modell als Druckvorlage und dreidimensionales Objekt selbst. Das Papier versucht sich in zweierlei Bemühungen aus der Fläche herauszudrängen.

So findet eine „Perforierung“ des Raumes bzw. Überlagerung von realem und vorgestelltem Raum statt, eine fast paradoxe Verstrickung von physischer Wirklichkeit und bildnerischem Schein. Durch die doppelte Faltung und fotografische Abbildung ergibt sich ein irritierendes Vexierspiel, bei dem die Abbildung des physisch und räumlich Vorhandenen in eine paradoxe Spirale hineingezogen wird.