Press Release
Sinta Werner - «Die Operation der Verschiebung»
Galerie Alexander Levy
Ausstellung: 7.9. bis 26.10.2013
Text: Matthias Planitzer


Sinta Werners Einzelausstellung »Die Operation der Verschiebung« in der Galerie Alexander Levy versammelt neue Arbeiten, in denen die Berliner Künstlerin Bild und Raum durch perspektivische Verzerrungen verschränkt und dadurch zu einer neuartigen, überraschenden Wahrnehmung urbaner Räume gelangt. Sinta Werner löst mit chirurgischer Präzision die Metrik der ihr zur Verfügung stehenden Bildsphären auf, um die darin enthaltenen Formen und Elemente als Versatzstücke zu mobilisieren und sie im Anschluss nach Belieben in eine neue Räumlichkeit zu überführen. Dann liegen Fassaden in Falten, Balkone beulen sich hervor, ganze Gebäude krümmen sich oder, im Gegenteil, werfen ihre Hülle wie eine ausgebreitete Schlangenhaut ab. Für diese Raum- und Bildoperationen bevorzugt Werner aufgrund ihrer formalen Strenge monumentale Architektur, deren Linien und Flächen sie teils bis aufs Äußerste perspektivisch verzerrt. Dadurch wird nicht nur der ursprüngliche Bildraum gestört; es entsteht daraus auch ein neuer, ein hybrider Raum vor dem Bild, der ähnlich einer optischen Täuschung die zugrunde liegende Bildebene um eine weitere Dimension anreichert. Sinta Werners Raumexperimente sind jedoch nicht etwa fragile Trugbilder, die abhängig vom Betrachterstandpunkt sich mal entfalteten und dann wieder zusammenbrächen – ihre Konstruktionen halten jeder Prüfung stand. Auf diese Weise balancieren ihre Arbeiten auf einem feinen Grat zwischen Fotografie und Skulptur und verharren somit in einem synthetischen Zustand, der sich weder zur einen noch zur anderen Seite auflösen lässt. Mit der titelgebenden Werkreihe knüpft Sinta Werner an bekannte Werke an, indem sie fotografische Ansichten streng gegliederter Architektur in eine neue Räumlichkeit überführt. Für die Serie »Die Operation der Verschiebung« greift sie Abbildungen aus dem Katalog »Baumeister der Revolution« der gleichnamigen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau auf: Daraus entnimmt Werner Fotografien russischer Avantgarde-Architektur der frühen Sowjetjahre und bearbeitet sie mit dem Skalpell, bis sie die haptische Qualität eines Reliefs erhalten. Dabei folgt die Künstlerin der subtilen Logik jener Gebäude, wenn sie Pilaster vom Papier abhebt oder Brüstungen zu spielerischen Kräuseln verdreht. Darin lassen sich bereits die perspektivischen Verschiebungen erkennen, die auch die weiteren ausgestellten Arbeiten maßgeblich prägen. Für die Skulptur »Off on a Tangent« verzerrt Werner den Bildraum einer Fotografie, welche das Haus der Statistik und das Haus der Gesundheit abbildet. Indem sie die gezielte Krümmung der jeweiligen Geometrien auf großformatiges Alu-Dibond überträgt und die beiden Fragmente miteinander verschränkt, fügen sich unvereinbar scheinende Linienfluchten neu zusammen. Auf diese Weise gelingt ihr die Neuvermessung einer zuvor kartesisch wohl geordneten Bildsphärei n eine skulpturale Anordnung, die einzig durch diese perspektivischen Handgriffe ihre hybride Räumlichkeit gewinnt. Eine ähnliche Bildstrategie verfolgt auch »Das Maß der statischen Unbestimmtheit«, eine weitere skulpturale Position ihrer Einzelausstellung. Ebenso wie in ihrer älteren Serie »Schattenfassaden I-IV« (2012) findet sie auch hier in den ornamentalen Blechverkleidungen sozialistischer Warenhäuser die komplexen Strukturen, die sie mit Bedacht aufbricht und aus ihrer räumlichen Verfassung löst. Ihre älteren, gerahmten Arbeiten aus diesem Werkkomplex münden hier nun erstmals in eine raumgreifende Installation, die zunächst an einen vielgliedrigen Paravent erinnert. Dazu fertigte sie ein Pappmodell an, das sich von der Fassade eines Dresdner Kaufhauses ableitete, fotografierte und replizierte es in vergrößertem Maßstab aus Alu-Dibond. Durch komplexe Faltungen und Schnitte entlang der im Druck noch sichtbaren Kanten überführt die Künstlerin den Bildraum erneut in einen skulpturalen Raum. Die Situation wird »aufgedoppelt«, wie Werner sagt: Während die Schatten des Modells in der Fotografie mit der Bildebene verschwimmen, werden sie durch die neuerliche Konfiguration im Ausstellungsraum mit neuen Schatten konfrontiert. Auf diese Weise entstehen nicht nur komplexe Perspektiven, sondern auch Licht- und Schattenmuster, die die ursprüngliche Gestalt des Modells wie auch der Warenhausfassade so weit dekonstruieren, daß bildliche und räumliche Komponenten nur mit Mühe unterscheidbar sind. Das Modell bleibt dank einiger feiner Pappfransen erkennbar, wohingegen das architektonische Vorbild lediglich wegen seiner Formverwandtschaft zu erahnen ist. Solchen ungenauen Details ist es auch zu verdanken, daß die Gegenüberstellung des Zentrum Kreuzbergs, einem Sozialbau am Kottbusser Tor, mit seinem Pappmodell gelingt. Die mehrteilige Fotodokumentation »Die szenische Auflösung« nutzt ähnliche perspektivische Größenverschiebungen, um die Brüche in diesem inszenierten Arrangement sichtbar zu machen. Auch hier wird der synthetische Bildraum durch kleinere Imperfektionen des Modells ad absurdum geführt. Letztlich enttarnt Sinta Werner aber sowohl »Das Maß der statischen Unbestimmtheit« als auch »Die szenische Auflösung« mittels perspektivischer Ungereimtheiten, die gerade subtil genug sind, um nicht sofort aufzufallen, aber doch bald als störend empfunden werden. In dieser Hinsicht vereint »Opfer der Selbstüberschreibung« viele dieser Raum- und Bildstrategien in einer in-situ-Arbeit, die sich schließlich dem Ausstellungsraum, dem Gebäude und seinem Innenhof widmet. Sinta Werner hat hierzu die kleinere Fensterfront der Galerie fotografiert und mit einem größengerechten Druck tapeziert. Die vorgefundene Situation überschreibt sie mit unzähligen Fragmenten eines monochromen, kontrastreichen Abbilds, das aufgrund seiner Belichtungscharakteristik überraschende Licht- und Schattenspiele aufweist. Doch obwohl der Bildraum zweifellos dem physischen Raum entspricht, kommt es zu perspektivischen Verschiebungen und Krümmungen. Da die Kamera aufgrund ihrer Zentralperspektive notwendigerweise eine Tiefen verkürzende Abbildung generiert, weist das tapezierte, zudem etwas verkleinerte Abbild vielfältige Verzerrungen auf: Fensterrahmen, Knaufe und Scharniere kommen nicht deckungsgleich aufeinander zu liegen, Interferenzmuster entstehen. äsentiert in ihrer Einzelausstellung »Die Operation der Verschiebung« bei Alexander Levy einen neuen, inhaltlich und formal dichten Werkkorpus, der erneut eine weitere Reifung ihrer künstlerischen Strategien in der Erforschung von Raum- und Bildfragen erkennen lässt. Mit scharfsinnigen Untersuchungen und präzisen Werkzeugen dringt sie weiter zu den Implikationen perspektivischer Eingriffe in (Bild-)Räume vor und ergänzt so ihre bisherigen Arbeiten auf diesem Feld um Werke, die an diesen Erfahrungen als Grundlage noch weiter differenzierterer Versuchsanordnungen und Beobachtungen anknüpfen.


Sinta Werner - «The Operation of Displacement»




The gallery alexander levy is pleased to present new works of Sinta Werner with the exhibit The Operation of Displacement. In the exhibit, Werner presents collages and pictorial objects dealing with the perception of architecture and thus with our urban environment. In the process, Werner breaks new ground, for example, with the photographs of The Scenic Denouement, in which the centre of the Kreuzberg district in Berlin is staged in an unusual form. Sinta Werner has realised a part of the centre of Kreuzberg in a model that is placed in front of the camera on a tripod. The camera and the model are aligned in such a way that the model supplements or conceals a part of the real building in the background. The triggering of the camera produces a photo, a collage of reproduction in the form of the model and reality. The starting point for this work was her interest in a staged reality, in which the boundaries between real space and backdrop blur. When viewing the photographs of the series The Scenic Denouement, one first thinks one is looking at a classic collage. At second glance, however, the outlines of the model become visible, the staging becomes apparent and the "making of" moment becomes decisive. Other variations of Werner's collages are found in two works; two pictorial objects that dominate the space. In Off on a Tangent, which has a photo laminated onto an aluminium composite panel showing the Haus der Statistik (statistics building) and the Haus der Gesundheit (health building) as its starting point, human perception of large, powerful architecture is experimented with. Two curve segments with different curvatures have been cut out of the photograph, which results in a curvature of the surface in the process of reconstructing both main elements. The separation of the photo into two parts initially appears brutal and in opposition to the logic of the straight and tapered perspective lines of the motif extending upwards. However, in a way this curvature seems familiar and coherent. Perhaps it corresponds to the overload we experience when attempting to comprehend a tall building as a whole from up close. One ultimately comprehends the building by orienting oneself to prominent lines and feeling one's way along with the eyes. Sinta Werner enables us to place our perception in question and reconsider already established habits. In the middle of the gallery space one finds a work that is more abstract in comparison to the others. The Measure of Static Indeterminateness can be compared with a screen in terms of its nature. The two-sided surface of the work shows details of lead sheeting like one finds on socialist department stores, thus giving it an ornamental character. However, something isn't right. Sinta Werner has reconstructed the facade as a model and photographed it with strong shadows. The photograph laminated onto aluminium composite panel was then sliced and folded in keeping with the facade structure. This results in a doubling; reality is reproduced twice. The consequence is that ruptures, errors and dislocations in perspective occur. Shadows are doubled; one is real, the other is part of the reproduction. With this work, Sinta Werner combines her interest in geometric structures and the theme of architecture facades, the perception of reality and reproduction. The collage series provides the title of the exhibit. Illustrations from the catalogue of the Baumeister der Revolution (master builders of the revolution) exhibit provide the raw material. While in the exhibit it was primarily the photographs of Richard Pare, who has documented the present condition of the Russian avant garde architecture of the 1920s and 1930s, that were placed in a context together with the works of constructivist architecture, during her visit to the exhibit, Sinta Werner was particularly inspired by the small architecture photos from the archive of the Schusev State Museum of Architecture in Moscow. The architecture is monumental and characterised by constructivism. The structures are stripped of their monumentality and severity by processing in the collage. They seem light and playful, not as if someone were playing a trick, but instead they appear lively, as if they weren't taking themselves so seriously. Sometimes a tire is woven into the facade, then stripes unfurl like Policeman's Helmet.