Press Release
Sinta Werner - «Das Scheitern der Oberfläche»
Exhibition: 2 March until 20 April 2013
Text: Matthias Planitzer


Bruce Bridgeman was for 67 years imprisoned in a flat world. He had no spatial vision. If other people pointed out a blackbird on a branch he was not able to see it. The bird was part of an open unclear expanse of trees, fields and clouds, everything indeterminable. The American had been used to this limitation when he visited his local cinema last year where they showed an 3D movie. He was first sceptical but then he experienced an amazing surprise: as soon as the show started the pictures moved towards him in a way he had never known before. Bridgeman was thrilled. The effect was even permanent: after he had left the theatre he saw the world with different eyes. Houses, traffic lights, cars, passengers, even the dirt in the gutter were to him as lively as never before. From there onwards he moved through a spatial world; the doctors were left behind puzzled.

In the case of Bridgeman it is noteworthy, that the surface of a movie screen of all things was the one who gave him the gift of spatial perception. We are used to the fact, that spaces are depicted in a certain perspective either through the lense of a camera or the eye of an artist and that the viewer can imagine it. This visual coding and decoding processes are born from experience, something Bridgeman didn’t have. There had to be more space in the supposed plane picture than originally presumed. But wasn’t it an elaborate illusion, which attained wondrous space from a simple picture?

The surface has failed. That’s how Sinta Werner would judge who combines works for her new solo exhibition at Christinger De Mayo in which she traces the space in images and thereby discloses their fragile relationship.

She bares unerringly the insecurities and the breaches between space and image, she interlaces them and eventually conflicts them and leads them ad absurdum. Her photographies, collages and installations are not traditional trompe-l’oeils, whose wondrous illusions might implode at any time. Werner tricks the observer only to inform him about the deceit a moment later and eventually to unsettle him about the offered truth of space and image: on the one hand Sinta Werner constructs new spaces in her photographies and deconstructs on the other hand in elaborate interventions the already existing spaces into contorted areas to finally melt the terms of space and layers into a common blur.

Sinta Werner detaches in her series «Das Scheitern der Oberfläche»(«The Failure of Surface») individual structural elements from their architectural bodies and converts them into a fractional spatial dimension. Crooked balustrades protrude from formerly plane car park façade, pilasters stick out from the paper and latticed slots corrugate an entire house front: Sinta Werner transports and multiplies these structural pieces into the actual space in front of the image sphere thereby defying the imagined relationships of space of the plane picture, rebel against them and finally even extend them. The artist places these interventions deliberately and adeptly in the picture space, just subtle enough to not fully break with the content of the picture yet distinct enough to enlarge and extend the architecture and its surrounding space. Sinta Werner finally takes this practice to the extreme in her series «Möglichkeiten des Offensichtlichen» («Possibilities of the Obvious») by distorting, fragmenting and newly aligning the image space so much so that it is hard to tell which structures that are dismantling themselves from the paper are just there and which ones are added by her hand. The space competes here with the image for the claim to truth.

Sinta Werner reaches this confusion also from the other end: exemplary for her intervention with found spaces, often articulated in site specific installations, is in «Das Scheitern der Oberfläche» her space consuming work «Ambitious Grades of Self-Transcendence». In the middle of the front room of the gallery Christinger De Mayo has she installed a collum that winds its way to the ceiling and which sides are corrugated into spiral designs of edges and creases. The shadows that thereby appear seem exceptionally rich in contrast. Looked at closely it becomes apparent that this is partly based on the print of the surface. Werner had studied the shadows of the model and adjusted the print process accordingly. This enhancement – Werner herself speaks of a duplication – of spatial factors such as the view, light or shadow by manipulation of the surface are often found in Werner’s works. Through the depiction of the spatial objects on themselves she targets the blur of space and layers just as with her rather photographic pieces: in this elaborate resonance between two seemingly incompatible dimensions the illusion of novel room models appear. They rapidly breach themselves on subtly proposed contradictions, though. Space or layer: it is not to be decided conclusively in Sinta Werner’s works. In both the other is inherent. Not only the customary understanding of surface has failed but the space has as well.








Bruce Bridgeman war 67 Jahre lang in einer flachen Welt gefangen. Denn räumliches Sehen war ihm nicht möglich. Wenn andere ihn beispielsweise auf eine Amsel auf einem Ast hinwiesen, konnte Bridgeman sie nicht erkennen. Der Vogel war Teil einer sich vor ihm ausbreitenden, unübersichtlichen Fläche aus Bäumen, Wiesen und Wolken, schlicht nicht auszumachen. Der Amerikaner hatte sich an diese Einschränkung bereits längst gewöhnt, als er im vergangenen Jahr das örtliche Kino besuchte, wo ein 3D-Film gezeigt wurde. Er war zunächst skeptisch, doch dann erlebte er eine verblüffende Überraschung: Sobald die Vorstellung begann, sprangen die Bilder in einer Weise von der Leinwand auf ihn zu, die er nie kannte. Bridgeman war begeistert.

Der Effekt sollte sogar anhalten: Nachdem er aus dem Dunkel des Filmtheaters trat, sah er die Welt mit anderen Augen. Häuser, Ampeln, Autos, Passanten, selbst der Dreck im Rinnstein wirkten auf ihn so lebendig wie nie zuvor. Von da an bewegte er sich in einer räumlichen Welt; die Ärzte ließ er rätselnd zurück.

Bemerkenswert bleibt die Beobachtung, daß es in Bridgemans Fall ausgerechnet die Oberfläche der Filmleinwand war, die ihm ein Raumgefühl schenkte. Aus dem Alltag ist uns bekannt, daß Räume sich im objektiven Blick der Kamera oder im geschulten Blick des Künstlers in einer gewissen perspektivischen Einstellung abbilden und umgekehrt durch den Betrachter imaginiert werden können. Diese bildlichen Kodierungs- und Dekodierungsprozesse entstammen jedoch einer Erfahrung und Praxis, die Bridgeman nicht haben konnte. Im flach geglaubten Bild musste demnach mehr Raum enthalten sein als zuvor vermutet. Aber war es nicht eigentlich eine raffinierte Illusion, die dem einfachen Bild einen wundersamen Raum abgewann?

Die Oberfläche ist gescheitert. So würde Sinta Werner urteilen, die im Rahmen ihrer zweiten Einzelausstellung in der Galerie Christinger De Mayo neue Arbeiten vereint, die dem Raum im Bild nachspüren und dadurch ihre äußert fragile Beziehung offenbaren.

Gezielt deckt Sinta Werner die Unsicherheiten und Brüche auf, die sich zwischen Raum und Abbild auftun, um sie gegeneinander zu verschränken und letztlich in Widerspruch oder gar ad absurdum zu führen. Ihre Fotografien, Collagen und Installationen sind jedoch kein herkömmliches Trompe-l'œil, dessen wundersame Illusion in jedem Moment zusammenbrechen könnte. Werner führt den Betrachter hinters Licht, um ihn sogleich auf die gelungene Täuschung hinzuweisen und letztlich darüber zu verunsichern, welcher der angebotenen Wahrheiten über Raum und Bild noch zu vertrauen ist: Sinta Werner konstruiert einerseits aus Fotografien neuartige Räume und dekonstruiert andererseits in ausgeklügelten Interventionen vorgefundene Räume zu verzerrten Flächen, bis schließlich die Begriffe von Ebene und Raum in einer gemeinsamen Unschärfe verschmelzen.

In ihrer titelgebenden Fotoserie «Das Scheitern der Oberfläche» löst Sinta Werner einzelne Strukturelemente von architektonischen Körpern ab und überführt sie in eine geringfügige räumliche Dimension. Gekrümmte Brüstungen brechen aus vormals ebenen Parkhausfassaden heraus, Pilasterreihen stechen vom Papier hervor und gitterartige Schlitze zerfurchen eine gesamte Gebäudefront: Sinta Werner transponiert und multipliziert diese strukturellen Versatzstücke in den tatsächlichen Raum vor der Bildfläche, sodass sie den imaginierten Raumverhältnissen des planen Abbildes trotzen, sich gegen sie aufbäumen und sie letztlich sogar erweitern. Die Künstlerin platziert diese Interventionen bedacht und geschickt im Bildraum, gerade subtil genug um nicht völlig mit den Bildinhalten zu brechen, jedoch deutlich genug um der Architektur und den von ihr umgebenen Raum auszuweiten und auszubauen. Schließlich treibt Werner diese Praxis in der Serie «Möglichkeit des Offensichtlichen» auf die Spitze, wenn sie den Bildraum so stark verzerrt, zerteilt und neu ausrichtet, daß kaum mehr erkennbar ist, welche der sich vom Papier lösenden Strukturen vorgefunden und welche erst durch Werners Hand entstanden sind. Der Raum konkurriert hier mit dem Bild um Wahrheitsansprüche.

Sinta Werner erreicht diese Verwirrung auch vom anderen Ende her: Beispielhaft für ihre Eingriffe in vorgefundene Räume, die sich häufig als ortsspezifische Installationen artikulieren, steht in «Das Scheitern der Oberfläche» ihre raumgreifende Arbeit «Ambitious Grades of Self-Transcendence». In der Mitte des vorderen Ausstellungsraumes der Galerie Christinger De Mayo errichtete sie eine sich zur Decke windende Säule, deren Seiten in einem spiraligen Muster aus Kanten und Falten zerfurcht sind. Die dadurch auf der Oberfläche entstehenden Schattierungen erscheinen ungewöhnlich kontrastreich ausgeprägt. Beim näheren Hinsehen erkennt man, daß sie teils auf einer entsprechenden Bedruckung des Untergrundes beruhen. Werner hat hierfür am Modell die natürlichen Schattenverhältnisse studiert und im Druck auf die Installation aufgebracht. Diese Verstärkung – Werner spricht selbst von einer Aufdopplung – räumlicher Faktoren wie Ansicht, Licht und Schatten durch Manipulation der Oberfläche ist in Werners Werken häufiger anzutreffen. Durch die Abbildung räumlicher Objekte auf sich selbst zielt sie ebenso wie in den primär fotografischen Arbeiten auf eine Unschärfe zwischen Ebene und Raum ab: In der ausgeklügelten Resonanz zwischen beiden unvereinbar scheinenden Dimensionen entsteht die Illusion dieser neuartigen Raumformen, die sich jedoch schnell an subtil eingebrachten Widersprüchen brechen. Ob Raum oder Ebene, das lässt sich in Sinta Werners Werken nicht abschließend feststellen. In beidem ist etwas vom anderem enthalten. Denn nicht nur das herkömmliche Verständnis der Oberfläche, auch der Raum ist gescheitert.