Ein Stück Ausschnitt
2 lightboxes
installation view:

'Ein Stück Ausschnitt',
Axel Obiger
Berlin, 2011

 

 

 

 




 


Für das Schaufensterprojekt bei Axel Obiger, bei dem die Ausstellung nur von der Straße aus zu sehen sein wird, wird Sinta Werner eine Photoshop-Ansicht des Ausstellungsraumes generieren, bei dem ein Ausschnitt des Raumes verschoben ist. Die Fotografie des Raumausschnitts hängt mitten im Raum und ist von dem gestrichelten Auswahlrechteck umrahmt. Ein zweiter, etwas größerer Leuchtkasten im Hintergrund gibt das weiß-grau-karierte Transparenzmuster wieder, welches in der Photoshop-Darstellung eine Leerstelle im Bild markiert. Beide Leuchtkästen hängen parallel zur Schaufensterscheibe und damit auch parallel zur Laufrichtung der Passanten. Die Verschiebung des Rechtecks ergibt sich automatisch durch die Veränderung des Blickwinkels im Vorübergehen.

Wir verbringen den Großteil unserer Zeit vor dem Bildschirm, in dem sich verschiedene Fenster in unterschiedlichen Ebenen, deren Abfolge variabel ist, überlagern. Gleichzeitig ist die Dichte

der sich dort überlappenden Informationen auf einenminimalen Ausschnitt unseres potentiellen Blickfeldes eingeschränkt. Wir bewegen unsere Augen nur noch marginal, um die größtmögliche Realitätsfülle wahrzunehmen.Ein weiteres Phänomen ist die im virtuellen Raum entstandene Realitätsbearbeitung, die auf den realen Raum zurückwirkt. So zum Beispiel in einem Photoshopdokument, in dem das Bild in verschiedene Ebenen vervielfältigt und aufgespalten wird, endlosreproduzierbar, variierbar und manipulierbar.

Auch der urbane Raum ist geprägt von unzähligen bewegten und unbewegten Bildern auf Werbe- und Infotafeln. Wir laufen durch Lagen von Bildwelten, die Räumlichkeit suggerieren, deren suggestive Raumwirkung aber gar nicht mehr als solche von uns wahrgenommen wird. Die Bilder sind Spam, sind Metaphern, die schnell wieder weggeklickt und ausgeblendet werden. Im Stadtraum dominieren die Schilder, die Zeichen, alles drängt sich in den

Vordergrund. 3000 Werbebotschaften am Tag, unzählige Hinweistafeln, Verkehrsschilder.

Auch hier scheinen wir nicht mehr umhinzukommen den virtuellen Tunnelblick, die Einschränkung unseres Gesichtsfeldes anzuschalten, damit sich nicht permanent Verheißung, Ablenkung, Botschaft, Wirtschaftsinteressen und Lenkungsstrategien in unsere Realität einschleichen und wir der variantenreichen Manipulation entgehen.

Sinta Werners Eingriff bei Axel Obiger bearbeitet dies alles auf subtile Weise. Der in der Sommerpause leere Galerieraum, eine Leerstelle im urbanen Rauschen, wird mit einem virtuellen Werkzeug real bearbeitet. Sie verlinkt somit zwei Wahrnehmungswelten, elegant ironisch und weist dezent im Vorübergehen auf unsere Tunnelblickexistenz hin. (Daniel Kerber)